Wünschen erlaubt


Wie Mensch zuerst - das Netzwerk People First Menschen mit Lernschwierigkeiten bei der Lebensplanung hilft

von Petra Kroll, Illustration: Yvonne Zmarsly, Aus: "Menschen - das magazin", Ausgabe 2/2003

 

Christoph Munzert hat einen Traum. In absehbarer Zeit möchte er mit seiner Freundin Christel zusammen ziehen. Doch zunächst will er allein in einer Wohnung leben. "Auf Probe", sagt er. "Und wenn das dann gut klappt, hole ich mir die Christel dazu." Seine Vorsicht hat Gründe. Momentan teilt er sich die Wohnung in einer Einrichtung mit einem Mitbewohner und einer Mitbewohnerin. Mit einem versteht er sich nicht besonders gut. Keine Frage, dass er lieber heute als morgen ausziehen würde, um sich - mit der entsprechenden Unterstützung - auf eigene Füße zu stellen.

Bislang jedoch fand er niemanden, der ihn in seinem Vorhaben unterstützte. Von seinem zukünftigen Haus hat er bereits konkrete Vorstellungen. Es sollte ein Wohnzimmer, eine Küche, ein Schlafzimmer und einen Hobbyraum besitzen. "Hinten einen kleinen Garten und vorne raus ein Beet." Und dann hätte er auch gern noch ein Büro mit einem Computer. "Damit ich für People First arbeiten kann", sagt er. Wie wichtig für ihn die Selbstvertretungsbewegung ist, die in ihrem Namen die Forderung trägt, Betroffene zuerst als Menschen und nicht als "geistig Behinderte" zu sehen, zeigt sein Interesse an dem neuen Projekt des Netzwerks People First Deutschland.

"Zeit für Veränderungen" heißt die Kampagne, die mit Unterstützung der Aktion Mensch seit Beginn des Jahres läuft und von der sich Christoph Munzert erhofft, seinem Lebenstraum einige Schritte näher zu kommen. Susanne Göbel arbeitet als Unterstützerin beim Netzwerk People First Deutschland und begleitet das Projekt. "Besonders Menschen mit Lernschwierigkeiten wird immer wieder vermittelt, dass sie über die bestehenden Hilfen froh sein können und sich möglichst in die traditionellen Einrichtungen einpassen sollen", sagt sie. "Dabei dürfen Träume und Wünsche oft keine Rolle spielen. Mit unserer Aufklärungskampagne aber wollen wir sie dazu ermutigen, ihre Träume auszusprechen, sich konkrete Ziele zu setzen und Pläne für die Zukunft zu schmieden."

Nicht nur Einzelberatungen will man in der Kasseler Zentrale des Netzwerks anbieten. Der Ort, der zum Träumen einladen will, soll auch zu einer Koordinationsstelle werden, von der aus die Organisatoren verstärkt Öffentlichkeitsarbeit betreiben und das Konzept der "Persönlichen Zukunftsplanung" bekannt machen wollen. Und es sollen Betroffene und Interessierte bundesweit zu Multiplikatorinnen qualifiziert werden, damit sie nach Abschluss der Kampagne Ende 2003 die Idee der "Persönlichen Zukunftsplanung" weiter verbreiten.

Dazu sollen Informationsmaterialien herausgegeben und eine modellhafte Schulung entwickelt werden. "Wir wollen eine Anlaufstelle für all diejenigen sein, die sich in diesem Bereich engagieren und informieren wollen", sagt Susanne Göbel. Deshalb sollen nicht nur Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen angesprochen werden, sondern auch Angehörige, Behindertenorganisationen und -einrichtungen. Auch wenn die geplanten Aktivitäten des Netzwerks erst anlaufen, haben sich in der Zentrale von Mensch zuerst - People First bereits die ersten Interessenten eingefunden.

Kornelia Scholtes hat von dem Konzept der Persönlichen Zukunftsplanung über eine andere Selbsthilfegruppe erfahren. Ihre Tochter Susanne besucht derzeit noch die Integrative Gesamtschule Waldau in Kassel. Wie viele Jugendliche hat sie kaum Vorstellungen von dem, was sie anschließend einmal beruflich machen möchte. "Besonders viel Spaß macht ihr die Arbeit in der Küche", sagt ihre Mutter. "Doch vielleicht gibt es auch noch etwas anderes als Hauswirtschaft, was wir als Eltern einfach übersehen haben und womit Susanne glücklicher wird." In einer Werkstatt für Behinderte möchte ihre Mutter sie nicht unterbringen. "Wir haben unsere Tochter integrativ eingeschult, weil wir uns wünschen, dass sie Kontakt zu Nichtbehinderten hält", erklärt sie.

Was aber kann Susanne später außerhalb einer Sondereinrichtung beruflich machen? Von der Lebensplanung erhofft sich Frau Scholtes mehr Informationen darüber zu erhalten, genauso wie sie sich Aufschluss über Susannes Fähigkeiten und Stärken wünscht. "Auch Susanne hat ein Recht auf ihr eigenes Leben", sagt ihre Mutter, "und deshalb soll sie, wie andere Menschen auch, auf Grund ihrer Neigungen entscheiden können, wie und wo sie in Zukunft leben und arbeiten möchte."

Das Haus, in dem sich Kornelia Scholtes Unterstützung für ihr Vorhaben erhofft, liegt nicht weit vom Kasseler Hauptbahnhof entfernt - zwischen herrschaftlichen Villen und klotzigen Bürobauten. "Zentrum für selbstbestimmtes Leben" steht über dem Eingang des schmucklosen Gebäudes, an dem neben dem Schild nur die breite Rollstuhlrampe auffällt. Oben im zweiten Stock liegen die Büros von Mensch zuerst - People First Deutschland. Aktenregale stehen neben Schreibtischen mit Computern, dazwischen klingelt ein Telefon. An den Türen hängen selbstgemalte Porträts der Mitarbeiter. Die meisten, die hier beratend an den Telefonen sitzen, kennen sich aus Sondereinrichtungen und haben Bevormundung und Diskriminierung auf Grund ihrer Behinderungen selbst erlebt.

Wie Werner Freudenstein, der als Erwachsener nach dem Tod seiner Eltern in ein Heim eingewiesen wurde. "Das war die schlimmste Zeit in meinem Leben", sagt er noch heute. Auf die Frage nachdem Warum antwortet er mit Vehemenz: "Weil man dort behandelt wurde wie ein kleines Kind. Alles wurde einem vorgeschrieben, was man zu essen hatte oder wann man ins Bett gehen musste. Und wer sich weigerte, wurde mit Essensentzug bestraft."

Eigentlich wäre er viel lieber zuhause wohnen geblieben, erklärt er. "Doch man sagte mir damals, dass das nicht geht." Dass es sehr wohl geht und wie, zeigt sein heutiges Leben. Inzwischen teilt er sich eine betreute Wohnung mit seiner Freundin und berät andere auf dem Weg in die Unabhängigkeit.

Dass so genannt geistig behinderte Menschen sich selbst vertreten und - wie Werner Freudenstein - für sich selbst sprechen, ist ein neuer Ansatz, den die People-First-Aktivisten in den USA in den 8O-er Jahren prägten.

Zeichnung: Person steht vor Spiegel und sieht sich darin
Wenn ich in den Spiegel sehe,
finde ich mich selbst gut

"Ich weiß doch selbst, was ich will" lautete der Titel einer Tagung der Lebenshilfe, bei der es 1994 zum ersten Mal in Deutschland um die Förderung der Selbstbestimmung von Menschen mit so genannter geistiger Behinderung ging. Heute steht diese Aussage auch für eine der wichtigsten Forderungen Mensch zuerst - dem Netzwerks People First Deutschland, die mit der neuen Kampagne "Zeit für Veränderungen" aufgegriffen und weitergeführt werden soll. Ansprechen will man vor allem auch diejenigen, die bisher noch nicht wussten, was sie wollten. Auch sie sollen die Chance auf ein besseres und gerechteres Leben erhalten, das ihrer Individualität und ihren unterschiedlichen Interessen und Neigungen entspricht.

Damit auch diejenigen gehört werden, die bisher nicht zu Wort gekommen sind oder die sich nicht mit Worten äußern können, trotzdem aber etwas in ihrem Leben ändern wollen, wurde eine Reihe von Methoden entwickelt. Sie können im Rahmen der Persönlichen Zukunftsplanung individuell nach den Bedürfnissen des Planenden eingesetzt werden.

Eine dieser Methoden sind verschiedene Themenblätter in Form von Fragebögen oder Checklisten. Damit sollen die planenden Personen in die Lage versetzt werden, ihre Fähigkeiten und Interessen herauszufinden und auch, welche Unterstützung sie zur Umsetzung ihrer Wünsche benötigen. Eine andere Methode sind Schaubilder wie das "Mandala".

Konzentrisch um die betroffene Person angeordnet, die im Mittelpunkt genannt wird, finden sich hier im ersten Kreis die Lebensbereiche, die für sie einen hohen Stellenwert haben. Im nächsten Kreis werden diesen Bereichen die wichtigen Personen und Aktivitäten zugeordnet. Im äußeren Kreis stehen die Aktivitäten, die der Planende in Zukunft unternehmen möchte und die für ihn eine Verbesserung der Lebensqualität bedeuten.

Ganz anders dagegen, nämlich mit Bildern statt mit Worten, geht man bei den "Dreamcards" oder "Lebensstilkarten" vor. Die auf den Karten abgebildeten Symbole zeigen verschiedene Bereiche des täglichen Lebens. Sie sollen die planende Person dazu anregen, über ihre Träume oder ihren jetzigen Lebensstil nachzudenken, um dann für eine Planung bereits ein genaueres Bild von sich selbst zu haben. Genauso individuell wie die Auswahl der Methoden gestaltet sich auch der Unterstützerkreis, der an einer Planung teilnimmt oder der planenden Person dabei hilft, indem er zusätzliche Ideen liefert. "Er kann mal größer oder mal kleiner sein."

"Ganz davon abhängig, wen die planende Person dabei haben möchte", erklärt Susanne Göbel. Eines aber wird jeder Zukunftsplanung zugrunde gelegt: Es soll Auswertungsmöglichkeiten geben, mit denen die Erfolge, Misserfolge oder auch Veränderungen bei den Wünschen der planenden Person sichtbar werden. "Denn alle Ziele werden genau aufgeschrieben, so dass man diese stets vor Augen hat und nach einer Weile auch sehen kann, was alles erreicht wurde."

Zeichnung: Person wirft Geld in ein Sparschwein
Ich möchte Geld
für etwas sparen

Dass dabei auch über Träume gesprochen wird, die unrealistisch erscheinen oder nicht automatisch zu einer Lebensveränderung führen, sehen die Organisatoren nicht unbedingt als Widerspruch. Denn, so Susanne Göbel, "es wäre auch falsch zu glauben, dass die Persönliche Zukunftsplanung einfach so jeden Traum erfüllen kann. Was sie aber tut ist, Menschen zu fragen, wie sie sich ihr Leben, ihre Arbeit oder ihre Freizeit vorstellen, um dann dabei zu helfen, Lebensrichtungen für sich zu erkennen und Probleme mit Hilfe anderer zu lösen oder zumindest Lösungsansätze zu finden", fügt sie hinzu.

Auch wenn die Methode, die wie die People-First-Bewegung aus Nordamerika stammt, in Deutschland bislang nur von wenigen und in aller Regel nebenberuflich erprobt worden ist: Es gibt bereits erste Erfolge. So gelang es einigen Teilnehmern einer People-First-Schulung, durch die Zukunftsplanung einen Arbeitsplatz außerhalb der Werkstatt für Menschen mit Behinderungen zu finden.

Einer von Ihnen ist Stefan Göthling, der jetzige Geschäftsführer von Mensch zuerst - dem Netzwerks People First Deutschland und Mitinitiator der Aufklärungskampagne "Zeit für Veränderungen". Andere konnten bei der Umsetzung eigenständigerer Wohnformen unterstützt werden. Für Susanne Göbel und die Organisatoren der Kampagne ist es ein Beleg, wie "kraftvoll" das Konzept der Persönlichen Zukunftsplanung ist. "Es bietet echte Wahlchancen und kann auch in Deutschland ein äußerst guter Motor für Veränderungen sein."

Wir bedanken uns herzlich bei der Aktion Mensch e.V. für die Genehmigung, diesen Artikel auf unserer Homepage einstellen zu dürfen.