Wie beim Rechnen gibt es auch für gute Unterstützung eine Reihe wichtiger Grundregeln. Diese Grundregeln bilden für Unterstützungspersonen die Basis, um Menschen mit Lernschwierigkeiten gut unterstützen zu können. Hier die 10 Grundregeln, die wir für absolut notwendig halten:
Regel 1: Ohne Spaß an der Arbeit geht gar nichts
Unterstützungspersonen müssen Spaß und Lust haben, mit Menschen mit Lernschwierigkeiten partnerschaftlich zusammen zu arbeiten.
Regel 2: "Wir Menschen mit Lernschwierigkeiten sind zuerst Menschen. Wir haben die gleichen Rechte und Pflichten wie alle Menschen."
Unterstützungspersonen müssen Respekt vor Menschen mit Lernschwierigkeiten haben und partnerschaftlich und gerecht mit ihnen umgehen. Dazu gehört zum Beispiel auch, dass Unterstützungspersonen Menschen mit Lernschwierigkeiten als gleichberechtigte Bürgerinnen und Bürger anerkennen.
Lösungen für Fragen und Probleme können und müssen mit den Menschen mit Lernschwierigkeiten gemeinsam besprochen werden, denn erst dann ist Gleichheit vorhanden. Und nur so kann sich das Machtverhältnis zwischen Menschen mit Lernschwierigkeiten und BetreuerInnen verschieben.
Regel 3: "Es ist wichtig, dass wir unseren eigenen Weg suchen und finden und unsere Ziele aus eigener Kraft erreichen!"
Menschen mit Lernschwierigkeiten müssen selbst bestimmen wo es langgeht. Sie müssen ihren Weg selbst finden. Sie müssen erfahren und ausprobieren können, was für sie gut ist und was nicht gut ist.
Selbstbestimmung ist nicht etwas, das Menschen mit Lernschwierigkeiten je nach Situation erlaubt wird. Selbstbestimmung ist ein unverrückbares Menschenrecht, das jeder Person zusteht. Ob eine Person mit Lernschwierigkeiten dann ihr Selbstbestimmungsrecht auch ausübt, muss eine persönliche Entscheidung der Person bleiben.
Regel 4: "Wir müssen klar sagen, was wir von unseren Unterstützungspersonen wollen und was wir nicht wollen!"
Unterstützungspersonen dürfen nur so viel Unterstützung wie nötig und gewünscht geben. Menschen mit Lernschwierigkeiten müssen die Führung bekommen und selbst bestimmen, welche Unterstützung sie haben wollen.
Regel 5: Tipps und Tricks gehören dazu
Um Menschen mit Lernschwierigkeiten weiterhelfen zu können, müssen die Unterstützungspersonen die Tipps und Tricks des täglichen Lebens kennen, zum Beispiel wie man mit Ämtern umgeht. Diese Tipps und Tricks helfen Menschen mit Lernschwierigkeiten weiter. Unterstützungspersonen müssen bereit sein, diese Tipps und Tricks weiter zu geben.
Regel 6: Fehler zulassen - na klar!
Es ist wichtig, Fehler von Menschen mit Lernschwierigkeiten zuzulassen. Denn viele haben nie gelernt, dass Fehler kein Weltuntergang sind und dass man aus Fehlern lernen kann.
Viele Menschen mit Lernschwierigkeiten sind in der Vergangenheit zu sehr behütet und fremd bestimmt worden. Sie konnten gar nicht herausfinden, was Fehler sind, wie Fehler entstehen und wie man Fehler wieder gut macht.
"Unterstützungspersonen müssen uns unsere eigenen Erfahrungen machen lassen." Menschen mit Lernschwierigkeiten dürfen nicht überbehütet und von Erfahrungen fern gehalten werden.
Regel 7: "Wir müssen unsere Unterstützungspersonen dabei unterstützen, gute Unterstützungspersonen zu sein. Sie können von uns lernen."
Menschen mit Lernschwierigkeiten sind die besten Expertinnen und Experten in eigener Sache. Unterstützungspersonen müssen offen dafür sein, von ihnen zu lernen.
Regel 8: Zeit und Geduld sind Teil von Unterstützung
"Mal eben noch schnell dieses und jenes entscheiden" ist bei der Unterstützung von Menschen mit Lernschwierigkeiten nicht angesagt.
Für Unterstützungspersonen gehört es dazu, Zeit und Geduld im Handgepäck zu haben. Denn gute Unterstützung dauert seine Zeit.
Das Tempo, wie schnell Dinge voran gehen, bestimmen in erster Linie die Menschen mit Lernschwierigkeiten. Die Unterstützungspersonen müssen dieses Tempo annehmen. Dazu gehört auch, Dinge von Menschen mit Lernschwierigkeiten machen zu lassen - auch wenn es dann länger dauert. Oder es auszuhalten, wenn mal gar nichts passiert. Dann müssen Unterstützungspersonen abwarten und erst nach einer angemessenen Zeit nachfragen wo es hakt und den Menschen mit Lernschwierigkeiten einen sanften Stups geben, wenn gewünscht.
Regel 9: Eine gemeinsame Sprache finden
Unterstützungspersonen müssen eine Sprache benutzen, die von allen Menschen mit Lernschwierigkeiten verstanden wird. Die gemeinsame Sprache sollte so leicht verständlich und einfach wie möglich sein. Fremdwörter sollten vermieden werden.
Es ist auch wichtig, als Unterstützungsperson darauf zu achten, welche Begriffe und Worte man benutzt, die von Menschen mit Lernschwierigkeiten nicht gemocht werden. Der Begriff ,geistig behindert' ist ein Beispiel hier. Es ist wichtig, dass Unterstützungspersonen und Menschen mit Lernschwierigkeiten eine gemeinsame Sprache finden, die niemanden verletzt oder benachteiligt.
Regel 10: Schweigepflicht ist selbstverständlich
Auch Unterstützungspersonen müssen sich an das Gebot der Schweigepflicht halten. Es ist nicht in Ordnung, über Menschen mit Lernschwierigkeiten zu sprechen und private Dinge weiter zu erzählen. Wenn man als Unterstützungsperson mit Menschen mit Lernschwierigkeiten zusammen arbeitet, sind sie gleichberechtigte Partnerinnen und keine Klientinnen, über die Berichte verfasst werden müssen.
Auszug aus dem Buch "Das kleine 1 x 1 für gute Unterstützung", herausgegeben vom Projekt "Wir vertreten uns selbst!", zu bestellen bei Mensch zuerst - Netzwerk People First Deutschland e.V, * Kölnische Str. 99 * 34119 Kassel * info@people1.de * www.people1.de